Care-Arbeit zwischen Alltag und Anerkennung: Ein Beitrag zum Equal Care Day 

Susanne Wenzel

1. März 2026

Jetzt anhören

Gelesen von der Autorin des Beitrags Susanne Wenzel

Portraitfoto von Susanne Wenzel

Montag, 05:45 Uhr: 

Der Wecker klingelt, sofort schießen die ersten Gedanken durch den Kopf: „Hat er heute Sport? Ich muss unbedingt an seine Tasche denken! Achja, heute ist ja auch noch der Zahnarzttermin. Lotta* nehme ich dann direkt mit. Hoffentlich gibt das keinen Streit! Ich bringe sie danach zum Tanzen, das spart Zeit…“ 

Sonja* steht jeden Morgen vor allen anderen aus ihrer Familie auf, kümmert sich um den Haushalt und bereitet ihre zwei Kinder für die Schule und den Kindergarten vor. Das bedeutet: Kinder wecken, anziehen, Frühstück und Pausenbrote vorbereiten und den Fahrdienst übernehmen, damit sie bis spätestens um 9:00 Uhr mit ihrer eigentlichen Arbeit beginnen kann. Das erfordert jede Menge Disziplin, gute Planung und vor allem: enorm viel Kraft.  

Sonjas Start in den Tag beginnt (und endet) mit Care-Arbeit. So wie Sonja geht es vielen anderen Frauen auch, wie unsere Umfrage anlässlich des Equal Care Days ergeben hat. Der Equal Care-Day ist ein Aktionstag der auf die mangelnde Wertschätzung von Care-Arbeit aufmerksam macht und über ihren Wert und die Folgen ihrer unfairen Verteilung informiert. Auch wir haben an dieser Aktion teilgenommen und an zwei Tagen Autogenes Training als kurze Verschnaufpause für Personen angeboten, die Care-Arbeit leisten. 

ECD Umfrage

Care-Arbeit – was ist das eigentlich? 

Wir verstehen darunter Fürsorge-Arbeit, ein Sich-Kümmern um unsere pflegebedürftigen (Familien-)Angehörigen, unsere Kinder, die Hausarbeit oder auch ehrenamtliche Tätigkeiten, wie die Begleitung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase in Krankenhäusern und Hospizen. Ohne diese freiwillige und unbezahlte Arbeit würde unsere Gesellschaft zusammenbrechen. 

Nach alten Rollenbildern ist Care-Arbeit in den meisten Fällen Frauenarbeit. Frauen blieben früher meist daheim und kümmerten sich um Haushalt und Familie, während der Mann das Geld verdiente. Diese klassische Rollenaufteilung hat erfreulicherweise schon lange ihre Gültigkeit verloren und in einigen Familien ist die Fürsorgearbeit inzwischen gerechter verteilt. Sie ruht aber noch immer viel zu selbstverständlich auf den Schultern von Frauen. 

In meinen Beratungsgesprächen bei der Familiengenossenschaft und auch in meiner Arbeit auf der psychosomatischen Abteilung einer Reha-Klinik begegnen mir häufig Frauen, die neben ihrem Beruf völlig selbstverständlich Care-Arbeit leisten, sich selbst und ihre Bedürfnisse hintenanstellen und für das, was sie tun, zu wenig Wertschätzung erhalten. 

Ich höre dort oft sehr berührende Geschichten über die innere Zerrissenheit, allem gerecht werden zu wollen begleitet von der ständigen Angst, keine der Rollen richtig auszufüllen und zu versagen. Oft werden die subjektiven Gefühle dann als objektive Tatsachen angesehen. Aber: Nur weil du das Gefühl hast, zu versagen, heißt das noch lange nicht, dass du auch tatsächlich versagt hast! In der Psychologie gehört diese emotionale Beweisführung zu den klassischen Denkfallen, die es zu verändern gilt. Ebenso wie der Satz: „Weil ich heute mit meiner Tochter zu doll geschimpft habe, bin ich eine schlechte Mutter.“ Frage dich bitte: Würde ich das auch zu meiner besten Freundin sagen? 

Häufig sind diese Gefühle begleitet von inneren Antreibern, die den Stress zusätzlich verstärken: das Streben nach Perfektionismus, der Glaube daran, alles allein schaffen zu müssen oder ja keine Fehler machen zu dürfen. Eltern sind auch nur Menschen. Auch sie dürfen Fehler machen. In meinem Psychologie-Studium habe ich gelernt, dass Kinder robuster sind, als wir häufig glauben. 

In der Klink sehe ich Frauen, die nach Jahrzehnten des Sich-Kümmerns – und des Sich-Aufopferns – sich selbst irgendwo zwischen Brotdosen und Berufsterminen verloren haben. Ich sehe Frauen, die über einen langen Zeitraum funktionierten, bis sie irgendwann zusammengebrochen sind. Dazu muss es aber nicht kommen. Die gerechte Verteilung und die gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit ist zentral für Geschlechtergerechtigkeit und eine wichtige Form der Prävention stressbedingter Erkrankungen: Care-Arbeit muss auf mehrere Schultern verteilt werden, um Einzelne zu entlasten. Jede*r kann hierzu einen Beitrag leisten und im nahen Umfeld bewusst hinschauen. Wer trägt gerade eigentlich wieviel? Was braucht die Person gerade? 

Autogenes Training zur Selbstfürsorge 

In unserer heutigen Welt liegt unsere Aufmerksamkeit ständig im Außen. Dadurch verlernen wir unsere natürliche Fähigkeit, nach Innen zu schauen. Ohne diese Innensicht, sprich ohne Selbstreflektion, bemerken wir leider zu spät, wenn wir uns nicht mehr ausgeglichen fühlen oder sogar Symptome entwickeln, die irgendwann in eine Erkrankung führen können. Eine Möglichkeit die Innensicht zu kultivieren ist Autogenes Training, eine anerkannte Entspannungsmethode zur Selbstbeeinflussung. Ziel dieser Technik ist es, einen Zustand tiefer körperlicher und geistiger Entspannung zu erreichen. 

Die Methode basiert auf der Vorstellung, dass sich Körper und Geist gegenseitig beeinflussen. Durch formelhafte, sich wiederholende Gedanken wie „Mein rechter Arm ist ganz schwer“ oder „Mein Atem fließt ruhig und gleichmäßig“ werden körperliche Prozesse positiv beeinflusst. Typischerweise werden dabei Empfindungen von Schwere, Wärme, Ruhe, gleichmäßigem Atem und ruhigem Herzschlag bewusst wahrgenommen und verstärkt. Mit etwas Übung kann die Entspannung in Alltagssituationen abgerufen werden und bei regelmäßiger Anwendung zu mehr Gelassenheit, verbesserter Körperwahrnehmung und langfristiger Stressreduktion beitragen. 

Wie geht es dir? Geht es dir ähnlich wie Sonja? Dann probier’ doch mal den Mental Load-Test: Equal Care Day – Mental Load

*Die Namen sind frei erfunden. 

Unsere Empfehlung

In unseren Entlastungsgesprächen nehmen wir uns Zeit, um Gedanken zu ordnen und gemeinsam Lösungen für mehr Klarheit zu schaffen.